Pestalozzischule soll geschlossen werden
Freitag, 14.Mai 2010 von Hella
Spätestens 2013 soll Schluss sein. Die Pestalozzischule soll geschlossen werden, da sie nicht die 51 notwendigen Anmeldungen für das kommende Schuljahr erreicht hat. Bis zu ihrer Schließung soll sie nun Hauptschule bleiben und nicht, wie noch im Schulentwicklungsplan 2009 vorgesehen, in eine integrative Realschule Plus umgewandelt werden. Damals war sogar eine vierzügige Realschule Plus vorgesehen.
Ludwigshafen verliert damit seine bisher größte Hauptschule, in der mit großem Engagement des Kollegiums etwa 430 SchülerInnen unterrichtet werden, von denen etwa 85 % Migrationshintergrund haben. Die Schule bietet neben dem regulären Unterricht zahlreiche AGs und Projekte für die SchülerInnen an. So gewann sie z.B. 2008 den Martini-Preis für ihr Engagement gegen Rassimus und darf den Titel “Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage” tragen. Zudem ist sie eine von 15 Schulen in der Metropolregion Rhein-Neckar, die als Pilotschule für das Projekt “Kooperatives Übergangsmanagement” (KÜM) ausgewählt wurde, welches den Übergang von der Schule in die Ausbildung verbessern will. Neben einer Theater-AG werden den SchülerInnen hier auch eine Tanz-AG, Garten-AG, Mofa-AG, Homepage-AG und vieles mehr geboten. Eines dürfte klar sein: Ludwigshafen verliert nicht nur ihre größte, sondern auch eine sehr gute Hauptschule, aus der eine sehr gute Realschule Plus hätte werden können.
Übrig bleiben drei kooperative Realschulen Plus (Adolf-Diesterweg-Schule, Anne-Frank-Realschule, Schulzentrum Mundenheim), zwei integrierte Realschulen Plus (Ernst-Reuter-Schule, Wittelsbachschule), eine auf zwei Standorte verteile kooperative Realschule (Kopernikus-Realschule zusammen mit Wilhelm-Leuschner-Schule) und eine neue Integrierte Gesamtschule im Schulzentrum Edigheim. Bei den sechs Gymnasien im Stadtgebiet bleibt natürlich alles beim Alten.
Doch was ist eigentlich eine Realschule Plus im Vergleich zu Haupt- und Realschulen?
SchülerInnen, die bisher nach der Grundschule auf eine Haupt- oder Realschule gegangen sind, werden nach der Umstellung gemeinsam eine Realschule Plus besuchen. Die 5. und 6. Klasse besuchen sie dabei noch gemeinsam im Klassenverbund, wodurch die frühe Selektion nach der vierten Klasse vermieden werden soll. Dies ist durchaus sinnvoll, hat sich eine so frühe Aufteilung auf Schularten doch als kontraproduktiv erwiesen. Viele SchülerInnen landen so nicht auf einer ihren Fähigkeiten entsprechenden Schule. Stattdessen spielt noch immer der Bildungshintergrund der Eltern eine zentrale Rolle.
Ab der 7. Klasse gibt es dann zwei Formen der Realschule Plus: Kooperativ oder integrativ. Bei der kooperativen Realschule Plus gibt es ab der 7. Klasse getrennte Züge für die Berufsschulreife (bisheriger Hauptschulabschluss) und die Mittlere Reife (Realschulabschluss). Im Prinzip findet hier also lediglich eine räumliche Zusammenlegung von Real- und Hauptschule statt. Das ist an sich schon ein Fortschritt, da zumindest in AGs und auf dem Schulgelände Kontakt zwischen allen SchülerInnen stattfindet.
Noch besser funktioniert eine Integration jedoch in der integrativen Realschule Plus. Hier werden die SchülerInnen ab der 7. Klasse nicht mehr im Klassenverbund unterrichtet. Stattdessen werden sie in jedem einzelnen Fach in Kurse eingeteilt, die ihrer individuellen Leistungsfähigkeit entsprechen. So kann ein Schüler z.B. in Mathematik in einem Kurs für schwächere Schüler, in Deutsch aber in einem Kurs für sehr gute Schüler sein. SchülerInnen können so deutlich individueller gefördert werden und auch die Durchlässigkeit ist deutlich höher als dies bei Haupt- und Realschulen der Fall war. Ein Schüler kann hier sehr viel einfacher den Kurs wechseln, als es früher möglich gewesen wäre die Schule zu wechseln.
Weitere Verbesserungen bietet die Realschule Plus z.B. durch das Senken der Klassenmesszahlen für die 5. und 6. Klassen. Bisher war hier eine Messzahl von 30 SchülerInnen vorgesehen, bei der Realschule Plus sind es nun noch 25 SchülerInnen. So wird auch durch kleine Klassen eine bessere Einzelbetreuung der SchülerInnen möglich. Das Modellprojekt “Keiner ohne Abschluss” soll zudem die Anzahl der Schulabgänger ohne Abschluss deutlich verringern.
Doch für die Stadt bietet die Schulstrukturreform auch einige Herausforderungen. So haben die neuen RealschülerInnen Plus z.B. einen Anspruch auf Übernahme der Beförderungskosten zur Schule, wenn ihr Schulweg länger als 4 km ist. Bisher galt bei Hauptschulen das Wohnortprinzip wie es auch bei Grundschulen gilt, d.h. die meisten HauptschülerInnen besuchten die Hauptschule in ihrem Schulbezirk und hatten daher meist keinen langen Schulweg. Bei Realschülern wurden die Kosten lediglich abhängig vom Einkommen der Eltern übernommen. Außerdem steigt der Raumbedarf an den Schulen. So gab es nach den bisherigen Vorgaben genug Platz für etwa 40 Klassenzüge. Nach den Vorgaben zur Realschule Plus reichen die Räume jedoch nur noch für 31 Züge. Auch wenn die bisherige Raumkapazität meist nicht voll ausgenutzt wurde, könnten hier Kosten durch Ausbaumaßnahmen auf die Stadt zukommen.
Doch eines ist für mich ganz klar: Die Umstellung auf die Realschule Plus ist ein Schritt in die richtige Richtung. Die Akzeptanz der Hauptschulen in der Bevölkerung hat stark nachgelassen und parallel wurden die Chancen von HauptschülerInnen einen Ausbildungsplatz zu erhalten immer schlechter. Die Realschule Plus, insbesondere in integrativer Form, bietet, wenn sie richtig umgesetzt wird, die Chance auf eine bessere individuelle Förderung. Die Dreigliedrigkeit unseres Bildungssystems hat sich nicht bewährt. Sie fördert lediglich die soziale Selektion und verhindert eine Förderung den individuellen Fähigkeiten entsprechend.
Es ist daher nicht nur sehr schade, dass Ludwigshafen mit der Pestalozzischule eine in der Vergangenheit sehr gute Hauptschule verliert, sondern auch, dass damit ausgerechnet eine der drei integrativen Realschulen Plus verloren geht.


Scheinbar scheinen auch drei der restlichen sechs Realschulen Plus gerade so die zu erreichende Anzahl an Anmeldungen geschafft zu haben. Ich verstehe das nicht ganz. Wo sind denn die ganzen SchülerInnen hin?
Rechnet man nämlich die geplante Anzahl von Klassenzügen in allen Realschulen Plus zusammen, kommt man auf 32. Bei einer Klassenmesszahl von 25 SchülerInnen, sollten bei exakter Gleichverteilung der SchülerInnen 608 SchülerInnen reichen, um bei jeder Realschule Plus die erforderliche Anmeldezahl zu erreichen. Natürlich verteilen sich die SchülerInnen nicht wirklich gleichmäßig. Allerdings hatten wir in den letzten Schuljahren immer deutlich mehr als 608 Anmeldungen für Haupt- und Realschulen. Und die Jahrgangsstärken (d.h. die Anzahl von Kindern in einem Jahrgang im Stadtgebiet) sind nun wirklich nicht so stark rückläufig.
Wo also bleiben die SchülerInnen? Ist die Anzahl der Anmeldungen an Integrierten Gesamtschulen und Gymnasien so stark gestiegen?
Die aktuellen Anmeldezahlen machen deutlich, dass es absolut notwendig war, Haupt- und Realschule zusammenzulegen, schon allein um die Hauptschüler nicht mehr länger als Randgruppe dastehen zu lassen.
Deutlich wird, dass gerade die Schulen, die nun in Realschulen plus in integrativer Form umgewandelt werden, weit niedrigere Anmeldezahlen zu verbuchen haben, als diejenigen Realschulen plus, die in kooperativer Form betrieben werden sollen.
Zu den Realschulen plus in integrativer Form zählen die Ernst-Reuter-Schule, die Wittelsbachschule und die Pestalozzischule, alles ehemalige Hauptschulen, die in zwei Fällen nur knapp die erforderliche Mindestanzahl von 51 Anmeldungen erreichten, im Falle der Pestalozzischule wie oben ausgeführt sogar nicht.
Die ehemaligen Realschulen wie beispielsweise die Anne-Frank hatten dagegen keinerlei Probleme, die erforderliche Mindestanzahl an Anmeldungen zu erreichen.
Diese Zahlen verdeutlichen die Unsicherheit vieler Eltern, das fehlende Vertrauen in Hauptschullehrer und Hauptschuldirektionen, die Angst vieler, dass ihre Kinder, wenn sie denn nicht aufs Gymnasium oder wenigstens eine Realschule plus in kooperativer Form gehen, später ohne Chancen da stehen.
Dabei wird übersehen, welch großartige Arbeit an Schulen wie der Pestalozzihauptschule geleistet wird, und welche Auswirkungen die drohende Schließung der Schule nun auf die Schüler der Schule, aber auch auf Lehrkräfte und Direktion haben wird.
Die Tatsache, dass viele Eltern bis zuletzt mit der Anmeldung ihrer Kinder warteten, verdeutlicht die offenen Fragen, die mit Einführung der Realschule plus in vielen Familien noch vorhanden sind.
Welche Schule ist denn nun die beste für mein Kind? Hat mein Kind auch Chancen wenn es nicht aufs Gymnasium geht?
Hier bleibt abzuwarten, wie sich das Projekt Realschule plus entwickelt. Aus meiner Sicht war es allerdings absolut notwendig, die Hauptschule vom Abstellgleis zu holen und dieses Projekt durchzuziehen.
Ich hoffe, dass doch noch eine Möglichkeit gefunden wird, die Pestalozzischule in das Konzept miteinzubeziehen, um die tolle Arbeit, die an dieser Schule geleistet wird, zu ehren!
Heißt das, die fehlenden Anmeldungen sind dadurch zu erklären, dass es mehr Anmeldungen bei integrierten Gesamtschulen und Gymnasien gibt als in den letzten Jahren? Oder meldet sich einfach die große Mehrheit an den kooperativen Realschulen Plus an?
Denn wenn letzteres der Fall ist, scheint eine große Skepsis der Eltern den integrativen Realschulen Plus gegenüber zu bestehen. Wenn dies so ist, wäre es notwendig hier Aufklärungsarbeit zu leisten. Denn an in der integrativen Form kann eine individuellere Form der Förderung umgesetzt werden, daher müssten sie eigentlich den kooperativen Realschulen Plus vorgezogen werden. Dies scheint dann vielen Eltern nicht klar zu sein. Ich fürchte hier überdecken in der öffentlichen Wahrnehmung Vorurteile den HauptschülerInnen und den Hauptschullehrern gegenüber die realen Vorteile des kooperativen Konzepts.
Ich vermute das Problem ist nicht primär, ob eine Realschule Plus integrativ oder kooperativ ist. Das spielt vielleicht sekundär eine Rolle. Entscheidend ist für viele Eltern mehr, dass sie wollen, dass ihre Kinder auf eine ehemalige Realschule kommen. Natascha hat das schon geschrieben.
Das Problem dabei ist, dass deshalb die ehemaligen Realschulen aus allen Nähten platzen und sogar SchülerInnen ablehnen müssen und parallel ehemalige Hauptschulen zu wenige Anmeldungen haben.
Deshalb ist es wichtig darauf zu achten, dass das Niveau auf allen Realschulen Plus ähnlich gut ist. Die Eltern müssen wissen, dass ihre Kinder nicht nur die gleichen Abschlüsse auf den jeweiligen Schulen machen können, sondern auch dass die Qualität ähnlich ist. Viele denken vielleicht an den ehemaligen Realschulen sind die Lehrer eher an Realschulniveau gewohnt und umgekehrt, an die pädagogische Komponente gar nicht gedacht, denn dahaben sowohl die Ernst-Reuter Schule als auch die Pestalozzischule einen guten Ruf. Dass das ein Denken ist, von dem wir uns langfristig verabschieden müssen, ist dabei aber logisch.
Man muss einfach mal hinhören was die Leute über die Realschule Plus so von sich geben. Da paart sich Unwissenheit mit Angst. Für einen Großteil der rheinland-pfälzischen Bevölkerung gilt die Gleichung Realschule Plus = Hauptschule. So denkt ein Großteil der Leute, dass jeder denselben Abschluss macht und dass dieser dann auch noch im Vergleich zu jetzt entwertet ist.Leid tun mir vor allem die Kinder, die bislang in einer Realschule gut aufgehoben gewesen wären. Viele von denen werden nämlich in Gymnasien gesteckt werden und völlig überfordert sein. Da gilt es noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten.
Der Erfolg wird für mich maßgeblich von der tatsächlichen Durchlässigkeit des Systems abhängen. Die Gesamtschule beispielsweise schreibt sich dies ja groß auf die Fahnen, die Praxis scheint aber nach dem was ich aus der Gesamtschul-Ecke gehört habe eine ganz andere zu sein. Nach unten geht es immer, nach oben nur in absoluten Ausnahmefällen. Dieses Spielchen darf bei der Realschule Plus auf keinen Fall gespielt werden. Denn wenn nach der sechsten Klasse der Weg für die meisten nach oben verbaut ist, dann doch lieber gleich sechs Jahre Grundschule wie in anderen Bundesländern.